IT im Jahr 2021 16.02.2021, 17:52 Uhr

Mehr Evolution als Revolution

Diese Themen werden die IT-Verantwortlichen in diesem Jahr beschäftigen.
Ganz anders als gedacht – unter dieser Überschrift könnte man das vergangene Jahr wohl am besten zusammenfassen. Wer hätte vor zwölf Monaten geahnt, dass ein kleines Virus das Jahr so sehr prägen würde? Das gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wurde auf den Kopf gestellt, und auch die IT-Abteilungen blieben nicht verschont. Ganz im Gegenteil: In vielen Unternehmen hieß es letzten März »Ab ins Homeoffice« – wenngleich viele dafür überhaupt nicht vorbereitet waren. Nicht selten wurden innerhalb kürzester Zeit mit heißer Nadel IT-Lösungen für die RemoteArbeit gestrickt.
Die Folge: So manches für 2020 geplante IT-Projekt blieb auf der Strecke. Gut 42 Prozent der Unternehmen in der DACH-Region haben im vergangenen Jahr Projektstarts aufgrund von Corona in die Zukunft verschoben und ein Viertel der Unternehmen hat Projekte sogar ganz gestoppt. Zu diesem Ergebnis kommt die »IT-Trends-Studie 2021« der IT-Beratung Capgemini. Doch wie sieht es in diesem Jahr aus? Hält die Normalität langsam wieder Einzug in den IT-Abteilungen? Werden liegengebliebene Projekte in Angriff genommen? Und welche Rolle wird Covid-19 dabei spielen?

Die Folgen des Virus

Eines ist sicher: Die digitale Transformation wird die Unternehmen weiterhin stark beschäftigen. Corona wirkt hier wie ein Brennglas. Das Virus zeigt allen, die diesem Thema bislang zurückhaltend gegenüberstanden, wie wichtig es ist, sich digital aufzustellen. Denn selten lagen Krise und Chance so nah beieinander wie im vergangenen Jahr – während große Teile der Wirtschaft stark auf die Bremse traten, startete die Digitalisierung in Firmen aller Branchen richtig durch.
Homeoffice war in der IT ohne Frage der große Trend des vergangenen Jahres schlechthin. Während vor der Pandemie im März 2020 in 66 Prozent der Unternehmen in Deutschland Homeoffice nicht erwünscht war, sah das bald darauf schon ganz anders aus: Mit Beginn der CoronaKrise boten 65 Prozent der Arbeitgeber ihren Mitarbeitern eine Homeoffice-Regelung an – für ein Viertel der Beschäftigten wurde das Arbeiten zu Hause sogar zur Pflicht.
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Zu diesen Ergebnissen kommt eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom vom Dezember. In konkreten Zahlen ausgedrückt: 10,5 Millionen Berufstätige arbeiteten Ende 2020 ausschließlich im Homeoffice, weitere 8,3 Millionen immerhin teilweise. Gekommen, um zu bleiben Das Thema Homeoffice wird die IT-Abteilungen auch 2021 intensiv beschäftigen. Mit das Wichtigste bleibt, die auf die Schnelle zusammengeschusterten Notlösungen für das Remote-Arbeiten auf stabile Beine zu stellen. Laut Bitkom erhielten 23 Prozent der Erwerbstätigen im Homeoffice keinerlei Unterstützung durch ihren Arbeitgeber. Das gilt sowohl für die, die bereits vor der Pandemie im Homeoffice gearbeitet haben, als auch für die, die mit der Krise ins Homeoffice gewechselt sind.
Zu den Aufgaben der Unternehmen beziehungsweise der IT-Abteilungen gehört aber nicht nur die Ausgabe von entsprechender Hardware für das Heimbüro, also Notebooks, Monitore oder SIM-Karten, sondern es zählen auch organisatorische Dinge dazu, zum Beispiel die Bereitstellung einer Plattform zum Mitarbeiteraustausch oder die Unterstützung bei der Selbstorganisation, etwa durch Leitfäden. In welche Richtung sich das alles letztlich entwickelt, wird nach Ansicht von Gertjan Rossing, Head of Delivery beim Dienstleister CRM Partners, stark davon abhängen, wie lange die aktuelle Situation noch andauert. »Je länger die Normalität auf sich warten lässt, desto mehr Zeit wird investiert, um bestehende Notlösungen zu festigen.«
Viele Unternehmen hätten bereits im August und September versucht, die Rückkehr zum Normalbetrieb durchzusetzen, und mussten inzwischen mit der zweiten Corona-Welle wieder zurückrudern. Eine große Herausforderung werde daher in diesem Jahr sein, die Wünsche von Mitarbeitern mit den Bedürfnissen der Unternehmen in puncto Homeoffice in Einklang zu bringen. Doch auch nach dem Ende der Corona-Pandemie, das sich hoffentlich bald abzeichnet, dürften viele weiterhin im Homeoffice arbeiten wollen. Die Zahlen sprechen hier eine deutliche Sprache: Fast 60 Prozent der Heimarbeiter geben laut Bitkom an, dass ihre Produktivität im Homeoffice etwas oder deutlich höher ist. Und mehr als die Hälfte der Zuhause-Arbeitenden ist etwas oder deutlich zufriedener. Unbestritten ist man flexibler, spart den Arbeitsweg und hat oft ein ruhigeres Arbeitsumfeld. Das lässt sich nur schwer wieder vollständig zurücknehmen. Was 2021 daher immer wichtiger wird, sind verteilte Belegschaften – egal wann, wo und mit welchem Gerät sie arbeiten.

Business Agility

Die vergangenen Monate haben eindrücklich gezeigt, dass Unternehmen, die sich schnell verändern und anpassen können, einen Wettbewerbsvorteil aus der Pandemie-Krise ziehen konnten – Stichwort Business Agility. »Die Agilität eines Unternehmens ist eng mit seiner technologischen Agilität verknüpft. Denn die exponentielle Zunahme von Technologie, die zunehmende Nutzung jeglicher Technologie as a Service und die Entstehung von zusätzlichen Ökosystemen rund um Technologieanker werden dazu führen, dass Unternehmen ihre IT-Lieferkette neu überdenken müssen«, fasst Dominik Neumann zusammen. Er ist Vice President Enterprise Transformation beim IT-Dienstleister CGI.
Neumann hält eine flexibel managbare IT-Supply-Chain für einen der wichtigsten Stützpfeiler einer Business Agility Dabei seien, so Neumann, drei Dinge relevant: Unternehmen sollten sich für Kooperationen öffnen und Technologie-Ökosysteme aufbauen und diese gezielt managen.
Außerdem sollten Unternehmen die Funktion eines sogenannten IT-Technology Brokers einführen, dessen Aufgabe es ist, innovative Technologien, deren Nutzung und Mehrwert gemeinsam mit den Fachabteilungen zu prüfen und zu bewerten, welchen Wettbewerbsvorteil sie für das Unternehmen bringen.
Als Drittes werde sich die Architektur der Unternehmens-IT verändern. Nur so könne der Modernisierungsprozess mit den immer schneller werdenden Entwicklungszyklen neuer Technologien kontinuierlich gemanagt werden.

Künstliche Intelligenz

Sind in diesem Jahr überhaupt größere Neuerungen abzusehen – oder haben die Unternehmen noch genügend mit den Herausforderungen des vergangenen Jahres zu tun? Und wie steht es in den Unternehmen eigentlich um die seit Jahren gefeierten Technologien wie As a Service, Künstliche Intelligenz und Internet of Thing (IoT)? Was ist hier zu erwarten? Wenn es nach Manfred Felsberg von Apstra geht, einem Spezialisten für die Rechenzentrums-Automatisierung, dann ist vieles davon für viele Unternehmen noch immer ziemlich neu: »Ich persönlich sehe nicht, dass diese Themen allesamt tatsächlich bei den Unternehmen angekommen sind.« Die meisten werden nach Ansicht des Sales Managers DACH bei Apstra erst eingeführt oder diskutiert. Gerade Künstliche Intelligenz ist ihm zufolge eine Technologie, die noch sehr selten wirklich im großen Stil um- und eingesetzt wird. Felsberg nimmt darüber hinaus auch eine große Verunsicherung wahr bei der Entscheidung darüber, wo man die KI-Technologie verortet.
»Künstliche Intelligenz entwickelt sich in technologischer Hinsicht natürlich stetig weiter. Aber aus meiner Sicht ist das im Unternehmenskontext aktuell nicht der entscheidende Punkt«, erklärt Marcus Metzner, Chief Marketing Officer beim IT-Dienstleister Arvato Systems. »Wesentlich für den Einsatz von KI im Business-Kontext ist und bleibt, dass Unternehmen sinnvolle Einsatzmöglichkeiten aufspüren.« KI sei zwar kein Universalwerkzeug, könne jedoch schon heute unglaublich viel. »Kurz und gut: Use Cases zu identifizieren, die realisierbar sind und einen wirklichen Nutzen für die eigenen Kunden stiften, ist das A und O.«
Und dafür brauche es die Kompetenz von KI-Experten, die diese Aspekte realistisch bewerten könnten. Wichtig werde zunächst sein, die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu nutzen. Dann werde auch plötzlich sehr klar, wie hilfreich KI bereits an vielen Stellen sei und welche weiteren Möglichkeiten sich eröffneten.
Ausgaben für die IT
Bestand sichern: Für den Erhalt von Anwendungen und Systemen wenden Unter­nehmen fast die Hälfte des IT-Budgets auf. Nur gut ein Viertel fließt in neue Systeme.
Capgemini
Zusammengefasst lässt sich also festhalten, dass die Firmen noch immer damit beschäftigt sind, die viel gepriesenen Technologien der letzten Jahre wie KI oder IoT endlich in Angriff zu nehmen. Gleiches gilt für die Verarbeitung der zahlreichen Unternehmensdaten, die oftmals noch immer nutzlos herumliegen. »Die 2020er-Jahre werden geprägt von datengetriebenen Unternehmen. Denn wertvolle Daten fallen in jedem Betrieb an den unterschiedlichsten Stellen an – oft noch in Papierform, vielerorts bereits digital«, so Thomas Dillinger, Managing Partner bei der Digitalisierungsberatung Fellow Consulting  »Egal, ob die Informationen als Dokumente vorliegen, aus einer Anwendung stammen oder von IoT-Devices generiert werden: Die Menge an Daten steigt Jahr für Jahr exponentiell an.« Die Herausforderung bestehe darin, diese Daten zu vereinheitlichen, zu kombinieren und wertvolle Erkenntnisse aus ihnen zu ziehen.
Grundsätzlich hat das Jahr 2020 nach Ansicht von Benjamin Krebs von Dell vielen IT-Trends zusätzlichen Schwung verliehen und Entwicklungen teilweise stark beschleunigt. Besonders der neue Mobilfunkstandard 5G werde in absehbarer Zeit vieles verändern – jeden Unternehmens-Campus und auch die Art unserer Kommunikation.
Der verstärkte Fokus auf Edge-Computing wird Krebs zufolge diese Entwicklung zusätzlich befeuern. Stefan Stahlmecke, Director Precision Agriculture Solutions beim Landmaschinenhersteller John Deere, geht ebenfalls davon aus, dass das Thema 5G in diesem Jahr an Relevanz gewinnen wird, »auch wenn es sich bislang noch nicht so schnell entwickelt wie erhofft«. Doch Konnektivität sei Trumpf, wenn es darum gehe, Abläufe zu optimieren und zu beschleunigen. »Das gilt überall, ganz gleich ob in der Produktionshalle oder auf dem Feld. 5G ist der nächste Schritt, diese Bandbreite umfassend zu erhöhen.«
Allerdings sei eine flächendeckende Vernetzung in Deutschland noch nicht möglich. Lösungen wie mobile Stationen, mit denen sich lokale 5G-Netze aufbauen lassen, füllen laut Stahlmecke diese Lücke. »Mit dem ganz großen Durchbruch wird es aus meiner Sicht noch etwas dauern«, prognostiziert Susan Wegner von LH Industry Solutions. Aktuell seien bereits 5G-Campus-Netze bei einigen Unternehmen im produktiven Einsatz. »Erzielt werden eine wesentlich bessere Abdeckung des gesamten Firmengeländes, volle Kontrolle über die eigenen Daten, weniger Störungen als in öffentlichen Mobilfunknetzen sowie bessere Latenzzeiten, Datenraten und Teilnehmeranzahlen.«
Die hohe Sicherheit und geringe Latenzzeiten von 5G-Campus-Netzen kombiniert mit der Skalierbarkeit von Rechenleistung in der Edge-Cloud reduziere die Entwicklungsaufwände teilweise erheblich. Für Echtzeitapplikationen, aber auch für rechenintensive Systeme, zum Beispiel Bildverarbeitung oder KI-Algorithmen, sei dies von enormem Vorteil. Im IoT-Bereich hingegen könnten mit Narrowband-IoT einige der derzeitigen Anforderungen abgedeckt werden. Hier bleibe abzuwarten, ob 5G das Rennen mache.

Fazit

Die Experten sind sich einig: Große technologische Neuerungen werden 2021 mit ziemlicher Sicherheit ausbleiben. Auch dieses Jahr dürfte über weite Strecken von Covid-19 dominiert werden. Stefan Stahlmecke von John Deere gewinnt dem aber auch Positives ab: Das Corona-Virus habe die Wirtschaft in Deutschland und der ganzen Welt enorm beeinflusst. Allerdings zeige die Krise auch die Bedeutung von strategisch fundierten Konnektivitätslösungen, intelligentem Datenmanagement und einer möglichst naht- und reibungslosen Dateninfrastruktur auf. »Werden diese Impulse ernst genommen und entsprechend konsequent angegangen«, so Stahlmecke weiter, dann »kann die Krise auf mittel- und langfristige Sicht sogar zu einer Chance werden«. Die IT im Jahr 2021, darüber dürften sich – einmal mehr – erst im Nachhinein tatsächlich gültige Aussagen treffen lassen. Ihre Unwägbarkeiten hat uns die Corona-Pandemie im vergangenen Jahr mehr als deutlich vor Augen geführt. Dass, wie eingangs erwähnt, die einen oder anderen Projekte auch weiterhin auf Eis liegen werden, dürfte kaum zu umgehen sein. Auch Thomas Müller, Countrymanager DACH beim Monitorhersteller Viewsonic, unterstreicht, dass es mit zuverlässigen Prognosen so eine Sache ist: »IT-Trends richten sich meines Erachtens immer auf einzelne Branchen und Anwendertypen – und diese entwickeln sich sehr unterschiedlich beziehungswiese weisen verschiedene Reifegrade in Sachen IT auf.«
Was in jedem Fall ein Dauerbrenner bleiben wird, ist das Thema Sicherheit. »Momentan ist es im Trojanergeschäft ziemlich ruhig – die berüchtigte Ruhe vor dem Sturm«, berichtet Wolfgang Kurz vom IT-Dienstleister Indevis. Nach Ansicht von Thomas Lo Coco, Manager DACH beim Sicherheitsunternehmen NetMotion, sind Schatten-IT und der Schutz der Clients außerhalb der eigenen Netzwerke und Perimeter die zentralen Herausforderungen, wenn es um Security geht. »Dabei soll der Zugriff auf Unternehmens-Ressourcen möglichst sicher bereitgestellt werden. Hier stehen der Schutz der Identitäten der Mitarbeiter mit beispielsweise Multi-FaktorAuthentifizierung sowie die Absicherung der Anbindung mittels Remote-Access-Lösungen im Vordergrund.«
IT-Budgets 2021
Steigende Ausgaben: Fast die Hälfte der Unternehmen plant eine Erhöhung des IT-Budgets – laut Studie plant ein Fünftel sogar eine Steigerung um mehr als 10 Prozent.
Capgemini



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