Designtrends 2020 07.01.2020, 07:55 Uhr

Trendwende

Adobe hat verschiedene Visual- und Designtrends für 2020 definiert.
Über Geschmack lässt sich streiten – könnte man denken, seine eigenen Ideen in Punkto Gestaltung weiter umsetzen und neuen Trends einfach keine Beachtung schenken. Sicher kann das für manche Angebote, ob Print oder digital, durchaus passend sein, gerade dann, wenn eine kleine und sehr individuelle Zielgruppe angesprochen werden soll. Um jedoch eine größere Menge an Anwendern zu erreichen, ist es sinnvoll, aktuelle Modeströmungen zu berücksichtigen. Projekte, die sich durch ein modernes Layout auszeichnen, sprechen auf jeden Fall eine größere Zielgruppe an.
Ein weiterer Vorteil bei der Gestaltung einer Webseite oder einer App dem Zeitgeist zu folgen, liegt darin, dass die Bedeutung bestimmter Elemente bereits bekannt ist und keiner weiteren Erklärung bedarf, beispielsweise die drei horizontalen Balken des Hamburger Menü-Icons (Bild 1).
Per Klick auf das Hamburger Menü-Icon oben links öffnet sich die Menüliste (Bild 1)
Quelle: Sckommodau
Doch wie entstehen Trends? Und gibt es tatsächlich DEN Trendsetter, der einen ganz neuen Stil ins Leben ruft? Sicher wird eine neue Art der Gestaltung nicht sofort als neuer Trend anerkannt. Ein Trend, der ja bereits von einem breiten Publikum gesehen und angenommen wurde, hat schon einige Bühnen durchlaufen – ob analog oder digital.
Bewährte Trends spiegeln Bewegungen jeglicher Art in der Gesellschaft wider. Somit kann man die Entwicklung eines Trends durchaus eine gewisse Zeit vorher erahnen. Bei einer seriösen Trendforschung werden neben besagten gesellschaftlichen Strömungen auch technologische Entwicklungen beobachtet. Aufgrund der gesammelten Erkenntnisse ist dann recht zuverlässig eine Richtung erkennbar.
Unternehmen wie Microsoft, Google und besonders auch Adobe haben besonderes Interesse daran, Trends bereits im Vorfeld zu erspüren. Microsoft und Google wollen mit zeitgemäßen digitalen Oberflächen überzeugen. Adobe liefert innerhalb der umfangreichen Cloud-Produkte und Technologien auch verschiedene Design-Vorlagen und hat in seinen Kreativlösungen den Zugriff zu Stockfotos integriert.

Trendsetter Microsoft und Google

Noch in den letzten Jahren war schlichte, schnörkellose Formen ein Muss für gutes Design: viel Weißraum und möglichst keine Details, die ohne Funktion waren. Auch grafische Benutzeroberflächen erfüllten diese Vorgaben, beispielsweise das minimalistische Flat Design, dessen Kacheloptik erstmals 2010 auf der Oberfläche des Windows Phone 7 für Struktur und Ordnung sorgte. Erst drei Jahre später, 2013, modernisierte auch Apple das Interface der iOS-Geräte – erstaunlich spät für den sonstigen Trendsetter. Ebenfalls bei Googles Material Design werden alle Elemente kachelförmig angelegt und sortiert. Anders als beim Flat Design sind hier auch Transparenzen, eine zurückhaltende Schattenwirkung und kleinere Animationen mit in der visuellen Sprache integriert, die physikalischen Gesetzen folgen und so dem User die Bedienung erleichtern. Googles Designregeln für alle Plattformen sind jedem über material.io zugänglich, werden laufend aktualisiert und wirken so immer noch modern und ansprechend (Bild 2).
Material Design entspricht auch heute noch den Anforderungen an modernes Design (Bild 2)
Quelle: Sckommodau
Auch Microsofts Flat Design wandelt sich mit der Zeit und bleibt somit weiter aktuell und zeitgemäß. Bereits Ende 2017 änderte das Technologieunternehmen das Aussehen des Betriebssystems Windows 10 und nannte es fortan Fluent Design System: Nun sind wieder Strukturen zu sehen, Materialien, die mit grafischen Zeichen und Linien zu einem ansprechenden Ganzen ergänzt werden. Daneben sorgen Licht, Tiefenwirkung und Bewegung für ein realitätsnahes Benutzererlebnis (Bild 3).
Flat Design wird zu Fluent Design System (Bild 3)
Quelle: Sckommodau
Gestaltung alleine garantiert jedoch kein zeitgerechtes Design. Bei der Visualisierung einzelner Medien gilt es, die Themen zu berücksichtigen, die gerade aktuell sind. In diesem Sinn hat Adobe vier Visual Trends entwickelt und will damit »ein starkes Zeichen für mehr Diversität und Selbstbewusstsein« setzen. Laut eigener Aussage hat der Softwarekonzern diese gesellschaftlichen Trends erkannt und analysiert, wie dadurch Design und Kunst beeinflusst werden. (Quelle: blogs.adobe.com/creative/as_2019_12_adobe-creative-trends-2020/) Zu jedem Trend gibt es bei Adobe Stock Bildersammlungen, die einerseits Adobe Cloud Abonnenten Bildmaterial zur Verfügung stellen, andererseits Anregungen für eigenes Bildmaterial liefern.

Altersstruktur

All Ages Welcome ist ein Trend, der die Altersstruktur der Bevölkerung berücksichtigt. Entgegen der früheren Werbestrategien möglichst junge Gesichter abzubilden, sollten alle Generationen entsprechend agil und lebensfroh dargestellt werden. Dieser Trend hat sich jedoch schon länger abgezeichnet, wie beispielsweise IKEA mit seinem TV Spot »Gekommen um zu Bleiben« bereits vor drei Jahren gezeigt hat: Mit der Neujahrskampagne wirbt das schwedische Möbelhaus für mehr Gemütlichkeit - und legt die rüstige Oma der Enkelin zum Plaudern ins kuschelige Bett (Bild 4).
Neujahrskampagne 2017 IKEA berücksichtigt die alternde Bevölkerungsstruktur bereits seit drei Jahren (Bild 4)
Quelle: Sckommodau
Express Yourself ermutigt zu mehr Authentizität und Diversität statt ewig unerreichbare Perfektion anzustreben – so der zweite Trend mit einem kurzen Auszug der Erklärung im Original. Auch junge Leute zeigen ihre Gefühle und Ängste, der früher bewährte Spruch »Ein Indianer kennt keinen Schmerz« ist also endlich passé.
Das Zeigen von Emotionen hat schon immer eine Vielzahl von Zuschauern angesprochen und ist somit gerade in der Werbung ein äußerst erfolgreiches Stilmittel, besonders zu Feiertagen wie Weihnachten; Beispiel Edeka: Vor fünf Jahren kursierte die Weihnachtsgeschichte »Heimkommen«, in der ein älterer Herr es erst durch seine eigene fingierte Todesanzeige schafft, dass seine Familie ihn besucht. Auch 2019 setzt der aktuelle Weihnachtsfilm “Die wichtigste Zutat” gezielt auf Emotionen: Von einer Reise kommend schenkt eine junge Frau ihrer Großmutter eine Flasche mit einer geheimen Zutat, die von der Großmutter zugunsten des bereits fertigen Weihnachtsessens verschmäht wird. Und trotzdem sitzen dann alle glücklich an der Festtafel – die Botschaft: »Die wichtigste Zutat zum Fest ist Liebe« (Bild 5).
Der Trend Express Yourself bezieht sich nicht nur auf emotionale Werbekampagnen (Bild 5)
Quelle: Sckommodau
Express Yourself will jedoch noch deutlich mehr: Der Trend illustriert die Vielfalt der Menschen, berührt dabei auch Randgruppen und regt dazu an, jeden einzelnen in seiner Eigenart vorurteilsfrei anzuerkennen.

Make-up is Not a Mask

Mit diesem Trend versucht Adobe, individuelle Stylings mit Lidschatten, Make-Up & Co neu zu definieren. Kosmetik soll demnach nicht mehr dazu dienen, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen, sondern hilft bei der authentischen Darstellung aller Menschen – Geschlecht und Nationalität spielen dabei keine Rolle mehr. Schönheit wird somit individuell definiert, wie die dazugehörige Stock-Kollektion verdeutlicht (Bild 6).
Make-up is Not a Mask – mit diesem Trend gibt Adobe extravaganten Schminktechniken einen neuen Inhalt (Bild 6)
Quelle: Sckommodau
From Me to We Politische und gesellschaftliche Gegebenheiten führen zu einem starken Wir-Gefühl, das entsprechendes Bildmaterial liefert: In der entsprechenden Stock-Kollektion sind Menschengruppen zu sehen, zum Teil an verschiedenen Orten, die Missstände jeglicher Art vermuten lassen – Kinder sammeln Müll, eine Gruppe junger Menschen pflanzt zarte Setzlinge.
Vektorgrafiken ergänzen die Sammlung oder auch das Leitbild dieses Trends, drei Hände, mit bunten Bändern geschmückt, übereinanderliegend. In der Beschreibung dieses Trends weist Adobe auf das Projekt ACTIVATE von Procter & Gamble mit National Geographic hin, bei dem in einer Dokumentationsreihe das »Engagement verschiedener Sozial- und Umweltaktivisten auf der ganzen Welt« vorgestellt wird. Es gibt ebenfalls eine deutschsprachige Präsenz des Projekts, über die neben weiteren Informationen auch alle Episoden des Projekts abrufbar sind (Bild 7).
Das Projekt ACTIVATE steht für Adobes aktuellen Trend From Me to We (Bild 7)
Quelle: Sckommodau
Modernes Layout, ob für Druckdateien oder für Apps und Websites bieten wieder deutlich mehr Gestaltungsspielraum – und betonen Individualität. Wie das über die Visual Trends definierte Bild- und Videomaterial grafisch umgesetzt wird, definiert Adobe mit seinen Creative Trends 2020. An erster Stelle steht Handmade Humanism, ein Trend, der von der DIY-Bewegung inspiriert ist: Verschiedene Layout-Elemente sollen dabei wie handgemacht wirken. Mit dabei sind gezeichnete Elemente, farbige Flächen mit abgerissenen Kanten und Schreibschriften (Bild 8).
Die Startseite der UX Designerin Melanie Daveid zeigt Elemente, die dem Creative Trend Handmade Humanism zugeordnet werden könnten (Bild 8)
Quelle: Sckommodau
Als Nachfolger des Jugendstils vereint die Stilrichtung Art déco verspielte, florale Elemente mit einer neuen geometrischen Eleganz: Funktionale Formen, die auch deutlich einen Bauhaus-Einfluss erkennen lassen, wie auch edle Materialien und Oberflächen fanden in den 1920er Jahren in vielen Gestaltungsbereichen ihre Anwendung:  Art déco-Elemente zierten Möbel, Bauwerke, Mode und Schmuck, eigneten sich mit ihren klaren Farben und dekorativen Mustern auch für Illustrationen und Kunstwerke.

Art déco-Muster

Diese gelungene, nostalgisch anmutende Stilmischung erlebt, laut Adobe, mit dem Creative Trend Art Deco Updates ein Comeback. Art déco-Muster sind bereits schon bei vielen Herstellern von Stoffen, Möbeln oder Tapeten zu finden, aus gutem Grund: gerade die minimalistischen Formen und Strukturen wirken elegant und dabei durchaus nicht altmodisch – und lassen sich problemlos als wiederkehrendes Musterelement umsetzen, um damit ganze Flächen zu füllen.
Im digitalen Bereich eignen sich Vektoren hervorragend zur Erstellung eines Art déco-Musters, das dann beispielsweise als Hintergrund eingesetzt werden kann. Als weiteren Trend hat Adobe Semi Surreal erkannt. Bei Surrealismus denkt man an Salvador Dalís fließende Uhren oder an Luis Buñuels frühere Filme wie »Ein andalusischer Hund«. Surrealismus war jedoch mehr als nur Kunst; es war eine Lebenshaltung, die sich außerhalb der gesellschaftlichen Normen bewegte.
Surrealismus kommt aus dem Französischen (surréalisme) und setzt sich zusammen aus sur (über) und réalisme (Realismus), wörtlich bedeutet es also »Über den Realismus«. Somit kann Semi Surreal als »Teilweise über dem Realismus« definiert werden. Dabei kommen reale Dinge mit unwirklich wirkenden Elementen zusammen und überraschen den Betrachter. Gerade auf Bildern, die diesem Trend folgen, werden auch verschiedene Techniken gemischt; beispielsweise werden dreidimensionale Darstellungen mit Flächen kombiniert, verschiedene Materialien gemischt oder physikalische Gesetze einfach ausgehebelt (Bild 9).
Geometrische Art déco-Muster sind bereits im Wohnbereich zu finden (Bild 9)
Quelle: Sckommodau
Modern Goth vereint laut Adobe gestalterische Elemente, die nicht unbedingt zusammengehören. Etwas düster und dramatisch zeigt sich dieser Stil, ganz wie der Internetauftritt der Band La Scaltra, die in ihrem Pressetext genau diese Spannung, die durch Gegensätze entsteht, verdeutlichen: »Wir sind verträumt, böse, voller Fantasie, mysteriös und distanziert …« (Bild 10). So spielt dieser Trend mit eindrucksvollen Licht- und Schattenwirkungen und offeriert Bilder und Grafiken auf einem dunklen Hintergrund, um deren Wirkung so noch besser zur Geltung zu bringen.
Die Werbeagentur Weder & Noch verwendet ein semi surreales Bild auf der Startseite (Bild 9)
Quelle: Sckommodau
Als Stilmittel dienen ebenfalls gebrochene Schriften, die einerseits altmodisch wirken, die sich andererseits in Kombination mit futuristischen Elementen zu einem spannungsvollen Gesamtbild ergänzen.

Ausblick auf Motion Trends

Ebenfalls auf die Trends im Filmbereich ist Adobe kurz eingegangen und weist dem dokumentarischen Film-Stil (Environmental Documentary) größte Bedeutung zu. Als treibender Faktor hierfür wird der Klimawandel angeführt.
Interaktive Grafiken werden zunehmen und sich auch in den sozialen Medien etablieren. Adobe nennt diesen Motion Trend Movement Response. Gerade auf Seiten, die Fakten über digitales Storytelling vermitteln, eignen sich interaktive Grafiken dazu, dem Betrachter die Entscheidung zu überlassen, wann und in welcher Reihenfolge er die Inhalte betrachten möchte. So liefert zum Beispiel eine Website über die Opernsängerin Maria Callas interaktive Grafiken, die, aufgeteilt in vier Kapitel, Zugriff zu vertonten Informationen über das Leben und Wirken der Sängerin gewähren.
Weiter ist die Rede von zwei kreativen Trends in punkto Film: Liquid Abstract setzt weiche, flüssige Formen als Kontrast zu geradlinigen Elementen, die momentan hauptsächlich zu sehen sind. Ein eindrucksvolles Beispiel dazu liefert Coca-Cola mit seiner TV-Werbung 2019 zum Coca-Cola Energy-Drink: Hier bilden rote Bänder tanzende Menschen. Ebenfalls der Hintergrund besteht aus weißen, geschwungenen Streifen, die sich im Takt zur Musik bewegen (Bild 11).
Der Webauftritt der Band La Scaltra illustriert den Trend Modern Goth (Bild 10)
Quelle: Sckommodau
Zweiter Trend ist Neon Glow, ein Effekt, der Bildkanten zum Leuchten bringt. Laut Adobe wird dieser Effekt vielseitig eingesetzt und erzeugt ein echtes Retrogefühl: in Musikvideos, bei Online-Spielen oder auch bei Netflix-Serien.

Fazit

Eine echte Trendwende zeichnet sich auch laut der, von Adobe definierten Visual- und Designtrends nicht ab. Die einzelnen Themen und Gestaltungstrends haben sich bereits in den letzten Jahren abgezeichnet. Erfreulich ist die Richtung, die Adobe vorgibt, allemal: Eine individuelle Gestaltung, die auch schwierige Themen berücksichtigt.



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